Fräulein Müllers Gespür für genmanipulierte Gartenzwerge

Zum Inhalt:

Der zum Außergewöhnlichen tendierende Junggeselle bucht im Reisebüro einen "Abenteuerurlaub im Krankenhaus", die flirtfreudige Einkäuferin sucht ihren "Märchenprinz im Supermarkt" und der misstrauische Geschäftsmann bekommt plötzlich Angst vor seiner Telefonrechnung.

Ein bisschen skurril, aber doch stets irgendwie sympathisch sind die Figuren, die in den Kurzgeschichten eine Rolle spielen. Mal werden Kosmetikverkäuferinnen verulkt, mal ungeschickte Rasenmäher auf die Schippe genommen und zwischendurch treffen Wortwitz und Ironie sogar das englische Königshaus. In bunter Folge wechseln Themen und Schauplätze. Verweilt wird überall dort, wo´s interessant ist. Auf einem Zeltplatz an der Côte d´Azur, beim Kuhfladenroulette, im Fußballstadion oder in der Wohnung eines mutmaßlichen Mörders. Man begegnet einem behämmerten Beamten, mehreren Nasenlochguckern, dem Urheber einer neuen Partykultur, einem Klopapierkavalier und natürlich Fräulein Müller, die mit dem Gespür für genmanipulierte Gartenzwerge.

Die Titelstory ist eine augenzwinkernd verfaßte Persiflage auf Peter Hôegs Roman über "Fräulein Smilla", die anderen Geschichten entstanden ohne "Vorlage". Einzig der amüsanten Phantasie des Autors entsprangen auch die häppchenweise eingestreuten Aphorismen. Und allen Kritikern nimmt Mike Bartel schon im Vorwort den Wind aus den Segeln: "Für den Druck dieses Buches wurde ausschließlich Papier von solchen Bäumen verwendet, gegen die morgen jemand mit dem Auto gerast wäre oder an denen sich übermorgen jemand erhängt hätte."

Textproben

Bedingung
Man kann nur dem das Wort im Mund umdrehen,
der das Maul weit genug aufreißt.

Rest
Den letzten Rest von Anarchismus, den sich Friedhelm G. bewahrt hatte, verwendete er darauf, in Schnellrestaurants betont langsam zu essen.

Mitleid
Sieh nur, die Tauben, wie sie umherfliegen.
Sieh nur, die Blinden, wie sie umherirren.

Der Märchenprinz im Supermarkt
Sie sah ihn im Supermarkt. Braungebrannt und gut verpackt. Diesen Toast musste sie haben. Als sie gerade zugreifen wollte, rempelte ein unrasierter Flegel ihren Einkaufswagen. So heftig, dass eine darin befindliche Flasche Frischmilch umfiel. Glücklicherweise bremste ein Kopfsalat den Sturz, so dass die Flasche heil blieb. "Hee, können Sie nicht aufpassen", wäre die normale Antwort auf eine solche Ungeschicklichkeit gewesen. Sie aber sagte: "Jetzt haben Sie es versaut."
"Was?"
"Die Sache mit dem Toastbrot."
"Mit welchem Toastbrot?"
"Na mit dem da", fauchte sie wütend.
"Ist ja nichts passiert", versuchte der ungehobelt wirkende Kerl sie zu beschwichtigen. "Ihr Flasche Milch ist noch nicht mal kaputt gegangen. Nur umgefallen."
"Es geht mir nicht um die Milch", schmollte sie, "ich habe gesagt, Sie haben die Sache mit dem Toastbrot versaut."
Er griff nach einer Packung. "Hier nehmen Sie, ich leg es Ihnen sogar in den Wagen."
"Nehmen Sie das sofort wieder raus", schrie die Frau ihn an, "es ist das Falsche."
Leicht verstört betrachtete er die Packung, drehte und wendete sie, bis er das Verfallsdatum lesen konnte, verglich die Packungsaufschrift mit der auf den anderen Hüllen und zuckte schließlich resignierend mit den Schultern. "Die sind doch alle gleich, die Toastbrote. Und über eine Woche haltbar ist es auch noch. Also was soll das?"
"Ich sag´s doch. Sie haben´s versaut. Es ist das Falsche. Ich wollte eine andere Packung."
"Und welche?"
"Das weiß ich jetzt nicht mehr. Sie haben mich so durcheinander gebracht", schimpfte sie, "am besten Sie lassen mich endlich in Ruhe."
"Na, dann", meinte er kopfschüttelnd und trottete davon.
"Er kann ja wirklich nicht wissen, was er mir angetan hat", dachte sie in einem Anflug von Mitleid. Wie hätte er auch ahnen können, dass sie vor kurzem einen Flirtkurs für unzufriedene Singles besucht hatte. Dass der Referent dort erklärt hatte, man solle, wenn man Schwierigkeiten mit dem Aufbau von Beziehungen habe, zunächst einmal auf Gegenstände des täglichen Lebens gerichtete Annäherungsversuche unternehmen. Der Einkaufswagenrempler konnte ja nicht merken, dass sie soeben zu Selbsterfahrungs-zwecken mit einem Toastbrot zu flirten begonnen hatte. Sie musste ihm das, falls sie ihn je wiedersah, erklären.
Fast täglich kehrte sie in den Wochen darauf an das Regal mit den Toastbroten zurück. Oft stand sie minutenlang mit ihrem Einkaufswagen davor. Doch keine Spur von ihm. Und die gerösteten Brotstücke sahen alle gleich aus. Ihr Lieblingstoast war sicher längst weg. Verkauft oder verschimmelt. Oder, noch schlimmer, von einer anderen Frau verzehrt. Und der Mann womöglich auch........